Marias Freude nach der Verkündigung ist so groß, dass sie sich nicht durch den langen Weg von Nazareth nach Ain Karim (ca. 160 km) abschrecken lässt, sondern freudig erregt sich zu Elisabeth begibt in der Ahnung, dass sie einander viel zu sagen haben. Maria wusste, dass ihre Verwandte auch an sich ein Wunder erfahren hat, deswegen fällt es ihr leichter, auch leichter als für Joseph, an das Wunder zu glauben, das Maria unter dem Herzen trägt.
Ein Mann verlangt Beweise, eine Frau sieht mit dem Herzen. Vielleicht deswegen erschien Jesus nach der Auferstehung zuerst den Frauen und vielleicht deswegen fällt es uns leichter, von manchen Erlebnissen einer Freundin zu berichten, als dem eigenen Mann. Maria, als die „Selige, die geglaubt hat“ (Lk 1, 45) will und kann nicht eine so große Freude für sich behalten, sie möchte sie mit anderen teilen, vermehren. In dieser Herzensregung Marias wird folgende Wahrheit sichtbar, dass „das Glück der einzige Wert ist, der sich vermehrt, wenn man ihn teilt“.
Die Freude Marias, die Elisabeth besucht und in ihrem „Magnifikat“ die Barmherzigkeit Gottes verehrt ist so groß, dass sie sie mit den Menschen, die die frohe Botschaft hören, teilt: „Als Elisabeth den Gruß Mariens hörte, bewegte sich das Kind in ihrem Leib“ (Lk, 1, 41).
Um jedoch die Freude zu den anderen tragen zu können, so dass sie bei unserem Anblick „vor Freude hüpfen“, muss man zuerst selbst diese Freude besitzen und das ist nur durch eine tiefe Einheit mit Jesus möglich, so wie bei Maria, die Ihn in sich getragen hat.
Als Maria zu Elisabeth geht, ist sie wie ein lebendigerTempel Gottes, wie eine Monstranz, die Christus unter die Menschen trägt. Sie begibt sich zu Elisabeth, um sie mit ihrer Freude zu beschenken, aber auch, um ihr zu dienen, um ihr gegenüber ein Werk der Barmherzigkeit auszuüben. Dadurch stellt sie uns ihre wahre Sendung vor, die auch Sendung jedes einzelnen von uns ist, und zwar den Dienst für Gott und die Menschen, der zu wahrer Freude führt.
Johannes Paul II lehrte, dass „die Liebe und Barmherzigkeit zum Nächsten sich vom lebendigen Kontakt her mit Gott ergeben und sich immer wieder auf Ihn beziehen, weil in dem Verweilen im Christus unsere wahre Freude ist“. Und an anderer Stelle, ausgehend von dem Gedanken, dass „mehr Freude im Geben als im Nehmen liegt“, sagt der Papst: „Dem inneren Drängen folgend, sich selbst zu einer Gabe zu machen, ohne etwas für sich zu erwarten, erfährt der Gläubige eine tiefe Genugtuung“.
Jedes wahre Glück, und ein solches kann sich nur aus einer innigen Beziehung mit Gott ergeben, möchte geteilt werden und macht uns aufmerksamer für die Anliegen des Nächsten. Die Gottesliebe und die Nächstenliebe sind miteinander verbunden: je mehr wir Gott lieben, desto mehr lieben wir den Nächsten und umgekehrt, das kann man nie trennen, weil die Liebe eins ist.
Der polnische Pfarrer Buryła schrieb beim Betrachten des Geheimnisses der Heimsuchung folgende Zeilen auf: “Maria war glücklich: sie hat erfahren, mit dem Licht erfüllt zu werden. Sie wusste aber, dass das Glück, das mit niemandem geteilt wird, stirbt. Sie wollte, dass nicht nur in ihrem Leben Großes geschehe. Deswegen ist sie zu Elisabeth gegangen. Die heutige Welt schlägt den bequemen Egoismus vor. Menschen möchten zwar glücklich sein, aber es ist für sie nicht wichtig, ob die anderen Menschen aus ihrer Umgebung auch glücklich werden. Kein Wunder also, dass die Menschen, die Christen beobachten, kein Licht sehen. Weil es Licht nur dort geben kann, wo es auch Liebe gibt. Der Glaube schließt uns für Gott auf, aber er muss uns auch für die Menschen öffnen. Ohne dies bleibt nur die Theatralik der liturgischen Gesten und der mechanisch betende Mund“.
Durch Dienst am Nächsten, wo wir in gewisser Weise die letzten Plätze einnehmen, werden wir erst wirklich groß, weil so die Logik des Gottesreiches ist. Maria denkt auch nicht lange nach über ihre Erhöhung, sondern eilt zu Elisabeth, um ihr zu d i e n e n. Johannes Paul II meint, dass Maria „Vorbild für die Gläubigen ist, die sich auf den Weg begeben, um Licht und Freude von Christus her den Menschen aller Länder und aller Zeiten zu bringen“.
Es gibt keine bessere Schule der Gottes-, und Nächstenliebe, als die Eucharistie, weil Gott eben hier an jedem von uns Großes tut, weil wir eben hier nach dem Empfang der Kommunion wie Maria zum lebendigen „Tabernakel“ werden und wie sie sollten wir das „Magnifikat“ singen und wie sie sollten wir Gott zu unseren Schwestern und Brüdern tragen. Um das Licht auf die anderen auszustrahlen, muss man zuerst selber das Licht aufnehmen und wer schon von ihm erfüllt ist, kann und darf es nicht für sich behalten.
Gott, der in der Dreifaltigkeit die engste Gemeinschaft bildet, beruft uns auch dazu, eine Gemeinschaft zu bilden, und zwar eine Gemeinschaft für die Zivilisation der Liebe, von der so sehr Johannes Paul II geträumt hatte.
Ein bekannter polnischer Dominikaner Pater Jan Góra hat gesagt, „alles, was Leben ist, insbesondere das geistige Leben, entsteht in der Begegnung. Der Besuch Elisabeth von Maria ist gleichzeitig der Besuch Johannes des Täufers von Jesus. Diese große Begegnung wird zur Offenbarung der Liebe“.
Bitten wir Maria, dass auch unsere menschlichen Begegnungen die Liebe offenbaren, widerspiegeln und vermehren. Damit jeder Mensch, der uns begegnet, sich danach seiner Würde mehr bewusst ist, sich besser und glücklicher fühlt.
Maria, Du demütige Magd des Herrn und Mutter der Barmherzigkeit erbitte für uns die Gabe der Vernunft, damit wir – wie der Hl. Maximilian Maria Kolbe gebeten hat – „in Deinen heiligen Händen zu fähigen und aufmerksamen Werkzeugen werden, um unsere Welt von der Sünde zu reinigen und sie zu heiligen“ und alle Bedürftigen in Jesus barmherzige Arme zu führen. Amen