Bevor sich Maria über die Geburt Jesu freuen konnte, bevor sie Ihn auf den Arm nehmen, wickeln und liebevoll an die Brust drücken konnte, musste sie eine große Glaubensprobe bestehen. Es sollte doch bald derjenige geboren werden, den alle Propheten verheißen haben, der König der Könige, der wahre Messias, aber sie kann mit Joseph keinen Platz für die Geburt finden. Hat Gott sie etwa vergessen, oder haben sie einen Fehler begangen oder eine Eingebung nicht beachtet?
Als Maria ihr „Fiat“ sprach, wusste sie nicht, dass das es gerade so sein würde, so ganz gewöhnlich, menschlich, aber gleichzeitig doch zu schwer, um keine Zweifel zu haben. Gott ist aber Gott der Paradoxien, Er überrascht uns immer und ist immer anders als unsere Vorstellungen über Ihn und Seine Wege. Maria lernte erst allmählich die Logik Gottes zu begreifen und solch einen Glauben zu haben, der imstande wäre, den Schleier des Alltäglichen zu zerreißen, um ein Mysterium dort zu sehen, wo es dem Anschein nach keines gibt, wo dem Anschein nach nichts Ungewöhnliches geschieht.
Schon in Bethlehem, also von Geburt an, erteilt uns Jesus die erste Lektion dieser Logik Gottes, die Er dann ausführlicher bei der Bergpredigt und am vollkommensten auf dem Kalvarienberg darlegt. Die Grotte von Bethlehem, die Krippe, die Hirten – ein so unscheinbarer Anfang, solch eine Einfachheit, Armut, Demut, ohne Aufsehen. Das sind aber die wahren lebensspendenden Samen großer Früchte, großer Werke im Reich Gottes, das ist diese heilige Niedrigkeit, für die Gott eine solche Schwäche hat, die Ihn so sehr anzieht.
Gleichzeitig macht uns Jesus bewusst, dass ein Kind, aber auch jeder Mensch ohne Luxus, ohne die neuesten Errungenschaften der Technik und ohne jeglichen Reichtum der Welt auskommen kann, aber nicht ohne Liebe. Kein Leben wird sich richtig entwickeln können ohne Liebe, so wenig wie eine Pflanze ohne Licht. Das will uns schon der kleine Jesus lehren, obwohl Er noch nicht sprechen kann.
Durch Seine Menschwerdung weist Jesus auf die unglaubliche Würde des Menschen hin und durch Sein Eintreten in unser Alltagsleben, heiligt Er es und erhöht es zum Mysterium.
Die Tatsache, dass der transzendente Gott von Seinem Thron herabsteigt, um sich in die Krippe von Bethlehem zu legen und gleichzeitig allen menschlichen Nöten und Leiden – außer der Sünde - unterworfen zu sein, ist so atemberaubend, dass es im gewissen Sinne nicht verwunderlich ist, dass viele Menschen bis heute nicht daran glauben können. Nicht nur das Kreuz ist ein Ärgernis für viele, sondern auch schon die Krippe von Bethlehem. Man sagt, dass der Weg Gottes vom Himmel nach Bethlehem länger war, als der Weg von Bethlehem nach Golgotha.
Man muss wahrhaft lieben, um zu begreifen, dass die Demut das Wesen der Liebe ist und je größer die Liebe, desto größer die Demut. Deswegen ist Gott – die fleischgewordene Liebe - auch der Demütigste aller Demütigen und kann nicht anders wirken.
Das Geheimnis der Menschwerdung Gottes werden wir aber nie völlig begreifen können, “immer bleiben wir an der Schwelle stehen“, wie es Johannes Paul II in Bezug auf das Geheimnis der Eucharistie ausgedrückt hat.
Nicht nur an Weihnachten wird Gott geboren und will zu uns kommen. Er wird während jeder Eucharistiefeier geboren, jede Kirche wird während der Feier der hl. Messe zu Bethlehem für uns. Nutzen wir, so gut wie es nur geht, diese Gabe und dieses Privileg. Nach dem Papst Johannes Paul II „gibt es eine tiefe Analogie zwischen dem „Fiat“ von Maria auf die Botschaft des Engels und dem „Amen“ jedes Gläubigen , wenn er den Leib Christi empfängt. Maria wurde zum Glauben daran berufen, dass Derjenige, den sie durch den Heiligen Geist empfangen hat, Gottes Sohn war. In Anlehnung an den Glauben von Maria verlangt von uns das Geheimnis der Eucharistie einen Glauben nach ihrem Vorbild und zwar, dass derselbe Jesus – Sohn Gottes und Sohn Marias – in Brot und Wein in Seinem ganzen göttlich-menschlichen Dasein gegenwärtig ist“.
Maria, Mutter der schönen Liebe, Mutter des fleischgewordenen Wortes erbitte uns die Gnade der wahren Liebe und eines reinen Herzens, damit Gott auch in uns geboren werden möchte. Mach, dass wir Ihn mit unseren Nächsten teilen, damit sich niemand einsam fühlt und dies nicht nur am Heiligen Abend. Mutter des guten Rates hilf uns mit Deinem Rat und erbitte uns die Gabe des Rates, damit auch durch uns Gott in den Herzen der traurigen, vergessenen, unglücklichen Menschen geboren werde.