Schon wieder bringt die fünfte Freude Mariens zunächst nur Leid, weil man nicht über die Freude des Wiederfindens sprechen kann, ohne vorher den Schmerz des Verlustes von Jesu zu erwähnen.
Die Realität dieses Ereignisses beschreibt sehr bildhaft Ruth Rees. Daher erlaube ich mir wiederum ihren Text zu zitieren: „Nach dem Paschamahl blieb die Heilige Familie in Jerusalem volle acht Tage. Als sie zurück nach Nazareth gingen, waren sie wohl glücklich und müde nach all den bewegenden Erlebnissen. Es war ganz normal, dass die Kinder tagsüber die Zeit mit ihren Verwandten verbringen oder mit Freunden auf dem Karawanenweg spielen konnten, wobei sie nicht vergessen durften, vor acht wieder zu ihren Familien zurückzukehren.
Man kann sich nur schwer vorstellen, was für ein Schock es für Maria und Josef war, als Jesus am ersten Abend nicht wiederkam. Auf der Suche nach Jesus kehrten sie nach Jerusalem zurück und durchsuchten alle Plätze, wo sie Ihn wieder zu finden hofften. Schlimmste Gedanken gingen ihnen durch den Kopf, was wohl passiert sein könnte.
Schon wegen der Größe des Tempels musste die Suche ein sehr anstrengendes Unterfangen sein : das Treppensteigen zu jedem Teil des Heiligtums, wo sich Jesus befinden konnte; dazu noch die langen und breiten Säulengänge und Kolonnaden, das Verhandeln mit den seit Tagen wartenden Pilgermengen, um durchgelassen zu werden, die Suche unter den verschiedensten Rabbinergruppen.
Endlich sind sie am dritten Tag einer verzweifelten Suche auf eine Gruppe von Schriftgelehrten gestoßen, die sich am Sabbat und anderen großen Feiertagen mit ihren Schülern trafen, um ihnen die Heiligen Schriften auszulegen.
Und eben unter diesen erwachsenen Gelehrten befand sich Jesus und erstaunte alle, insbesondere Maria und Josef, nicht durch sein Wissen, sondern durch seine Autorität, mit der Er sprach.
Die ersten Worte Mariens waren spontan, sehr menschlich und verständlich. Sie drückten eine unbeschreibliche Erleichterung, aber auch Unverständnis für die offensichtliche Gedankenlosigkeit Jesu, der an die Sorge Seiner Eltern nicht gedacht hatte: „Kind, wie konntest du uns das antun? Dein Vater und ich haben Dich voll Angst gesucht“ (Lk 2, 48). Die Antwort erschütterte sicherlich sowohl Maria als auch Josef: „Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört ? (Lk 2, 49). Jedoch weder Seine Mutter noch Sein Vater haben Seine Worte verstanden – damals noch nicht“.
In ihrem Kommentar zu dem oben beschriebenen Ereignis schreibt Ruth Rees: „Manchmal fühlen sich Menschen unwohl, weil sie denken, dass Jesus zu wenig Demut Seinen Eltern gegenüber gezeigt hat. Seine Antwort war völlig anders als erwartet. Die Eltern hörten kein Wort der Entschuldigung dafür, dass sie sich Seinetwegen solche Sorgen gemacht hatten (allerdings können wir annehmen, dass das, was der Sohn der Mutter sagte, sanft, liebevoll und mit Lächeln gesagt wurde).
Dieser Zwischenfall hatte jedoch eine tiefe geistige Bedeutung. In Jesu Antwort verbarg sich eine Art Wortspiel. Als Maria Seinen Vater Josef erwähnte, hat Jesus Maria schnell daran erinnert, dass er in dem sein musste, was Seinem Vater gehört. (Lk 2, 49).
Plötzlich wurden Maria und Josef mit der Wirklichkeit konfrontiert, über die schon Gabriel, Simeon und Anna gesprochen hatten. Es ist durchaus möglich, dass sich im normalen alltäglichen Leben voller häuslicher Pflichten die außergewöhnlichen Ereignisse schon ein bisschen verwischt hatten. Möglicherweise musste man sogar das Wunder irgendwie vergessen, um ein normales Leben einer jüdischen Familie führen zu können – „Das ist doch nur ein Kind, wir haben noch genug Zeit, um an seine Zukunft zu denken“. Alles, was Maria und Josef tun konnten, war, das Kind, das der verheißene Messias werden sollte, zu lieben und großzuziehen. Was sich genau hinter dieser Verheißung verbarg, wusste niemand, obwohl, nach der allgemein geltenden Meinung, der lang ersehnte Messias das goldene Zeitalter für sein Volk bringen und die besetzten Gebiete zurückerobern sollte.
Ab dem Zeitpunkt des Wiederauffindens Jesu fing eine neue Phase in Marias Betrachtungen an. Sie wurden mit den Jahren immer tiefer, bis Maria, Schritt für Schritt, die ganze wundervolle Wirklichkeit, in der sie sich befand, und die Ihr von Gott anvertraute Verantwortung verstand. Ab diesem Zeitpunkt hat Seine Mutter „ alles, was geschehen war, in Ihrem Herzen bewahrt“ (Lk 2, 51).
Man muss selbst Mutter sein, um zu verstehen, was Maria innerhalb dieser drei Tage gelitten hat. Auf die Frage, warum Gott solch eine Glaubensprobe zugelassen hat, gibt es viele Antworten. Erstens behandelt Er wirklich so diejenigen, die Er besonders liebt, zweitens wollte Er vielleicht, dass schon ab dem Augenblick, in dem sich das messianische Bewusstsein Jesu gezeigt hat, seine Nächsten, insbesondere Maria darauf vorbereitet würden, was einige Jahre später geschehen sollte.
Jesus erteilte gleichsam eine aufrüttelnde, aber dadurch umso wirkungsvollere Lehre, dass Er die Pläne des himmlischen Vaters und Seinen Willen immer den irdischen Problemen und Gefühlen vorziehen würde, selbst auf Kosten von Verletzungen subtilster Gefühle. Er versuchte auch zu erklären, dass die Pläne Gottes sehr oft schwer verständlich seien und deswegen auch unsere Einwilligung, unseren Glauben und unsere Demut herausfordern. Jesus wollte auch zuerst Seinen Nächsten und dann auch uns zeigen, wo und wie wir Ihn suchen sollen.
Denn, um Gott zu finden, muss man Ihn suchen, um Ihn zu suchen, muss man Ihn zuerst verlieren und wenn man Ihn verloren hat, muss man umkehren und suchen, aber mit Ausdauer, wie Maria und Josef. Um Ihn mit Ausdauer zu suchen, muss man sich dessen bewusst sein, dass mit dem Verlust Gottes wir alles verlieren, vor allem uns selbst. Also, um Gott zu suchen, muss man sich nach Ihm sehnen, muss man sich in Ihn verlieben, muss man den Wert des Verlustes zu begreifen, weil wir nur dann richtig suchen werden, mit Beharrlichkeit. Denn, je wertvoller der verlorene Schatz, desto größer der Herzensschmerz und die Sehnsucht.
Auf der Suche nach Gott müssen wir oft auch „unterwegs“ andere Menschen und Sachen verlieren, die uns Ihn verbergen würden. Aber wenn wir dies alles Seinetwegen verlieren, bekommen wir das Hundertfache.
Bruder Tadeusz Rucinski drückt das so aus: „ Verlieren wir manches vielleicht deshalb, um seinen Wert zu erkennen? Was man verloren, verschwendet hat, geht zugrunde. Wer weggegangen, weggelaufen ist, hat sich verirrt. Irgendwelche Wege sind auseinander gegangen. Wie kann man das wieder gewinnen ? Wie kann man zueinander finden? Was menschlich verloren ging, kann in Gott wieder gefunden werden. Die zerrissenen Fäden zwischen unseren Herzen können nur im Tempel wieder zusammengeknüpft werden. Ein verlorener Mensch kann nur in Gott wieder gefunden werden“.
Am einfachsten ist es, Jesus im Haus des Vaters zu finden, also in der Eucharistie, im Gottes Wort, im Sakrament der Versöhnung, aber auch im Nächsten. Denn, wenn jemand den Weg zum Nächsten findet, der Hilfe braucht, so findet er auch den Weg zu Gott, den Er irgendwann im Leben verloren hat. Gerade die barmherzigen Taten helfen am meisten bei der Suche nach dem verlorenen Jesus. Dies bestätigen Worte von Papst Johannes Paul II: „Der Dienst an den Bedürftigen kann für die „Entfernten“ eine von der Vorsehung bestimmte Gelegenheit zur Begegnung mit Christus sein, weil der Herr besonders großzügig alles Gute belohnt, das dem Nächsten erwiesen wurde“.
Maria, das ganze Leben lang suchen wir Jesus, manchmal ohne es zu wissen. Wir suchen Ihn, weil wir uns nach der Liebe sehnen. Der Hunger nach Liebe ist tief in unsere Herzen eingesenkt.
Dein und Josefs Beispiel zeigt uns, dass Gott – die Liebe – sich nur von denjenigen finden lässt, die Ihn wirklich suchen. Muttergottes, erbitte für uns die Gabe der Erkenntnis, damit wir Ihn aufrichtig suchen und weder eine Gelegenheit noch einen Ort verpassen, wo man Jesus finden kann. Wir bitten Dich – suche Ihn mit uns.