Erste Freude: Verkündigung

Beim Betrachten des Geheimnisses der Verkündigung überlegen wir sicherlich manchmal, warum Gott eben  d i e s e  junge Frau und gerade in  d e m  konkreten Zeitpunkt der Weltgeschichte auserwählt hat, um einen so ungewöhnlichen Plan durchzuführen ? 

Wie lange wir auch darüber nachdenken, kommen wir wohl immer zu einem ähnlichen Schluss wie Ruth Rees in ihrem Buch „ Der Rosenkranz in Zeit und Raum“  (Titel übersetzt aus dem Polnischen). Die Autorin schreibt: „Es bleibt eine Tatsache, dass aus Gründen, die menschlich unbegreiflich sind, dieser konkrete, von Gott für die Verkündigung  gewählte Moment einmalig war. Irgendeine göttliche Verknüpfung der Umstände auf der Erde und vielleicht im ganzen Weltall hatte dazu geführt, um  die richtige Person im richtigen Moment der Zeit und des Raumes aufzuzeigen: „Maria aus Nazareth“.

Wir stimmen einer solchen Antwort zu und fragen uns jetzt, wie Marias Reaktion gewesen sein könnte, wie sie sich in diesem Moment wohl gefühlt haben mag? Der heilige Lukas schreibt, dass Maria erschrak (Lk 1, 29), als sie die Botschaft des Engels hörte. Ähnlich wie Ruth Rees denke ich, dass die Bezeichnung „erschrocken“ zu schwach ist. Vielleicht wäre es besser zu sagen: „sie war schockiert“. Aber mit Sicherheit trat zuerst Schweigen ein, ein Schweigen, während dessen der ganze Himmel an Marias Mund hing in Erwartung ihrer Antwort, ein Schweigen, in dem sich das Schicksal der Welt entscheiden sollte. Bestimmt gingen dann blitzschnell sehr viele Zweifel und Fragen durch Marias Kopf und Herz, jedoch hat sie im Bewusstsein der Tatsache, dass eben der ganze Himmel, dass Gott selbst auf ihre Antwort wartet, alle Bedenken vergessen und die schönste aller Antworten gegeben: „Ich bin Magd des Herrn, mir geschehe, wie du es gesagt hast“ (Lk 1, 38). Damit hat sie auch ihr Einverständnis zu ihrer Schlüsselaufgabe im Erlösungsplan gegeben.

Wenn gleich Maria „voll der Gnade“ war, war sie nicht allwissend, sie war weiterhin  Mensch, ein sehr junges und einfaches Mädchen, das in dem Moment ihres „Fiat“ nicht verstehen konnte, was geschieht. Das war wie ein Sprung ins Unbekannte, ein Eintauchen in ein Geheimnis, das sie völlig überstieg, aber sie sagte „ja“ dazu im Vertrauen darauf, dass Gott weiß, was Er tut.

Die Antwort des Engels, dass „die Kraft Gottes sie überschatten wird    (Lk 1,35), sagte ihr nicht viel im ersten Moment, aber sie vertraute auf Gott und darauf, dass Er sie allmählich Seine Verheißung verstehen lassen wird, dass das Verständnis mit der Zeit durch ihr Mitwirken mit der Gnade kommen wird und so war es auch.

Zunächst musste sie jedoch alles in ihrem Herzen bewahren und vertrauen, vertrauen und vertrauen. Maria ist sich dessen bewusst, dass alles, was ihr geschieht, von außen kommt und Gottes Gabe ist, dass alles Seine Initiative ist und  auch immer sein wird. Sie selbst kann nichts anderes tun , als einverstanden zu sein und ihr „fiat“ zu wiederholen, was auch immer geschehen mag. 

Wilfried Stinissen (ein bekannter Karmelit aus Belgien, der seit 1967 in Schweden lebt) beschreibt sehr zutreffend das Verhältnis zwischen dem göttlichen und menschlichen Tun: „Es ist nicht so, dass Gott 80% und der Mensch 20 % macht. Nein, Gott macht 100% und der Mensch macht 100%, aber jeder auf eigene Art und Weise. Gott vollbringt Sein Werk und der Mensch gibt dazu sein Einverständnis. Unser Anteil ist also das „Ja“ zum Werk Gottes“. Und gerade Maria hat durch ihre Zustimmung, ihr Einverständnis zum Plan Gottes eigentlich schon die ganze Arbeit getan, also diese 100 % seitens des Menschen und deswegen wurde sie so sehr von Gott erhoben. Sie hat Gott nur so viel gegeben, aber wie viel ! Sie hat Ihm alles gegeben, was Er vom Menschen verlangt.  

 Beim näheren Betrachten der ersten Freude Mariens sehen wir, dass sie nicht nur reine Freude war, sondern von Anfang an mit Leiden verbunden. Die ganze Situation, in der sich Maria befand, war nicht nur erhaben, sondern auch wahrhaft dramatisch. Davon zeugt die Spannung, die bestimmt zwischen Maria und Joseph entstand. Wie sollte sie Josef, den sie innig liebte, erklären, dass das Kind, das sie erwartet, vom Heiligen Geist ist (Mt 1, 20), dass sie keine Sünderin ist, sondern eine Heilige, dass sich hinter ihrem wachsenden Leib kein fremder Mann verbirgt, sondern der Heilige Geist? Sie hat allzu gut die innere Qual von Josef gespürt und hatte Mitleid mit ihm, aber zunächst konnte sie ihm nicht helfen, sie spürte, dass sie ihm die Wahrheit noch nicht sagen dürfe, weil er sie nicht verstehen würde, sie wusste also, dass die Initiative wieder auf Gott abhängen würde. Deswegen hat sie Gott innig um eine besondere Erleuchtung für Josef gebeten und wurde erhört.

 Wenn wir Maria folgen wollen, dann sollen wir ihrem Glaubensweg folgen, einem Glauben, der über Emotionen, Empfindungen, menschliche Logik hinausgeht und sich durch Treue ausdrückt.

 Was wäre es geschehen, wenn Maria nicht geglaubt hätte, dass ein einfaches Mädchen aus Nazareth Mutter Gottes werden kann, wenn Abraham nicht geglaubt hätte, dass er noch in seinem Alter einen Sohn haben kann, wenn der heilige Petrus daran gezweifelt hätte, dass gerade er, der seinen Herrn verraten hat, zum Felsen der Kirche wird, wenn Faustina nicht geglaubt hätte, dass sie auch nach nur drei Schulklassen zur Sekretärin Gottes werden kann?

 Beim Betrachten der ersten Freude Mariens bitten wir Maria, die „Frau des Schweigens und des Zuhörens“ um einen Glauben, der größer als ein Samenkorn ist, um einen Glauben nach ihrem Maß, damit auch wir Verheißungen bekommen , die außerhalb der menschlichen Vernunft liegen. Für Gott gibt es nichts Unmögliches, nur wir selbst binden Ihm die Hände durch unseren Kleinglauben. Wenn wir wenig erhalten, bedeutet das, dass wir wenig vertrauen.

 Maria, Du Sitz der Weisheit, erbitte für uns die Gabe der Weisheit,damit wir die Gottes Logik endlich begreifen und dadurch große Verheißungen auch in unserem Leben empfangen können. Amen.